Übergriffe sind nicht immer sexualisiert motiviert und sie fühlen sich für jede Person anders an. Und solange patriarchale Strukturen, Ausbeutungsverhältnisse und kapitalistische Verwertungsketten die Welt bestimmen, in der wir uns bewegen, kann kein Platz ein echter safe space sein. Dessen sind wir uns bewusst. Aber wir können Schrittchen für Schrittchen darauf zugehen, dass kleine Veränderungen zu großen Revolutionen werden. Nur JA HEISST JA und NEIN HEISST IMMER NEIN.

So lautete der Abschnitt im Programmheft zum Thema AWARENESS auf dem OFF THE RADAR 2021.

Dass wir das selbst offensichtlich weder verstanden noch verinnerlicht hatten, wurde uns klar, als uns im Herbst ein langer Brief zweier früherer OTR Crews erreicht hatte. In diesem wurden Vorfälle und grobes Fehlverhalten, teilweise bezogen auf längere Zeiträume, seitens OTR Mitarbeitender deutlich gemacht. Verbunden mit der Rückzugsankündigung von zukünftigen Veranstaltungen.

Immerhin sind wir nicht so abgestumpft, dass wir nicht davor schon selbst gemerkt hätten, dass bei uns diesbezüglich etwas gewaltig in die falsche Richtung ging. Wir waren und sind bestürzt darüber, dass liebe Leute es wegen Fehlverhaltens aus unseren Reihen vorziehen, gar nicht mehr zu uns kommen. Dennoch haben wir die Gründe für die Wut und ihren Weggang verstanden.

Bereits im Nachgang zum letzten Festival und vor Erhalt des Briefs haben wir tiefgreifende Veränderungen in Bezug auf die AWARENESSARBEIT angestrebt: Bis 2021 hatten wir für unsere Veranstaltungen dafür immer externe Gruppen, wofür wir dankbar waren, aber es hatte sich abgezeichnet, dass das für uns kein dauerhaft tragfähiges Modell ist. Sondern, dass wir vor allem selbst in die inhaltliche Arbeit gehen müssen. Insofern haben wir den Brief als überdeutlichen Wake-Up-Call verstanden und versucht ihn als Chance zu überfälliger Weiterentwicklung zu nutzen.

Wir haben die OTR Awareness-AG seitdem auf insgesamt 10 Mitglieder ausgeweitet, die sich beinahe wöchentlich zum Plenum treffen. Innerhalb der AG hat sich ein Zirkel gebildet, der Grundlagenliteratur und Information beschafft, liest und diskutiert. Aus diesem „Wissensund Themenspeicher“ wird sich bald auch unser eigenes Awarenesskonzept zusammensetzen. Darüber hinaus sind wir mit anderen Awareness-, Netzwerk- und Veranstalter:innengruppen zur Erarbeitung eines eigenen Konzepts im engen Austausch. Auch haben wir die externe Kommunikation Awareness / Office getrennt.

Wir arbeiten an einer vollumfänglichen Aufarbeitung der Vorfälle im Einzelnen. Es fühlt sich sehr hässlich an, zu wissen, dass sich einige bei uns nicht wohl gefühlt haben, weil wir Scheiße gebaut haben.

Unter anderem aufgrund dieser Thematik haben wir im vergangenen halben Jahr so viele Treffen und Plena gemacht wie nie zuvor. Dass wir uns erst jetzt öffentlich zu Wort melden, liegt daran, dass wir vor allem intern daran gearbeitet haben. Die Vorfälle werden wir nicht im Einzelnen öffentlich besprechen, aber einige Schritte unserer Arbeit daran möchten wir erwähnen: Im Frühjahr dieses Jahres haben wir mit SAFE NIGHTS einen Inputvortrag zum Thema antisexistischer Awareness veranstaltet. Auch damit möglichst alle aus dem inneren Kreis über das notwendige Basiswissen verfügen, mit dem eine solche Aufarbeitung angegangen werden muss. An bisher zwei Terminen hat sich jeweils eine große Mehrheit des „Inner Circle“ zu Aufarbeitungsgesprächen getroffen. Dieser Prozess ist als noch nicht abgeschlossen zu bezeichnen.

Delegierte der die Vorwürfe erhebenden Crews und seitens des OTR treffen sich ab und zu, um über den jeweils aktuellen Stand der Dinge und laufende Entwicklungen zu berichten.

Grundsätzlich bekennt sich der Inner Circle des OFF THE RADAR dazu, gemeinsam mit der AG ein bindendes Awarenesskonzept zu erstellen und bei zukünftigen Veranstaltungen an seiner Umsetzung zu arbeiten. Die ersten Veranstaltungen, auf denen wir selbst die Awareness abdecken und mit unserem Konzept arbeiten werden, sind OFF THE STUBNITZ und OFF THE RADAR in Bremen.

Insbesondere was den OTR Weekender auf der Stubnitz angeht, sind wir eng mit der Stubnitz-Crew in Kontakt und Austausch, um ein Konzept zu realisieren, hinter dem beide Crews gemeinsam stehen.

Wenn ihr zum Thema anonym mit unserer Awarenessgruppe Kontakt aufnehmen möchtet, könnt ihr das über das Kontaktformular auf unserer Homepage tun. Wenn ihr mit uns zum Thema in Dialog treten wollt, schreibt eine Mail an uns: awareness@offtheradar.net

Wir sind noch am Anfang dieser Arbeit und noch lange keine Expert:innen.
Wir wissen, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, ein langer sein wird, auf dem wir alle dazulernen werden. Wir arbeiten an uns. Wir arbeiten an unseren Strukturen.
Wir wollen es besser machen als früher.
WE RISE AWARENESS ON THE RADAR.